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Leonardo Studies

02.12.1992

Kim H. Veltman

Leonardo da Vinci: Untersuchungen zum menschlichen Körper und Prinzipien der Anatomie

Gepeinigt, begehrt, vergessen. Symbolik und Sozialbezug des Körpers im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit, ed. Klaus Schreiner, Bad Homburg: Werner Reimers Stiftung, (1992), pp. 287-308.

1. Einleitung
2. Das Ganze und die Teile
3. Blickwinkel
4. Anatomische Schichtungen und Alterphasen
5. Bewegungen
6. Transformationen
7. Schlussfolgerungen

Leonardo da Vinci (1452-1519) erscheint uns in mancher Hinsicht heute sehr traditionell. Er durchforscht antike Quellen: wie Platon und Aristoteles. Wahrscheinlich hat er Galen studiert. Er untersucht mittelalterliche Quellen: wie Albert den Großen und den Anatomen Mondino de'Luzzi).

Vermutlich ist es diese Tradition, die Leonardo dazu veranlaßt hat, den Mikrokosmos des Körpers mit dem Makrokosmos der Welt zu vergleichen. Schließlich reichen die Parallelen so weit, daß Leonardo die Arterien im Körper mit unterirdischen Flußläufen vergleichen kann; die Blutzirkulation hoch zum Kopf in Verbindung sieht mit dem Umlauf von Wasser bis zu den Gipfeln eines Berges; oder das Blut, das beim Platzen einer Vene aus der Nase tritt, mit Wasser vergleicht, das plötzlich aus einer unterirdischen Erdader ausbricht. Leonardos tiefe Faszination von solchen Analogien zeigt sich in der Ms A (1492) ebenso deutlich wie im Codex Leicester (ca. 1505-1510) Manches deutet darauf hin, daß Leonardo in den letzten Jahren seines Lebens zunehmend Distanz von solchen Vergleichen gewinnt, und Forscher wie Martin Kemp nahmen dies zum Anlaß, Leonardos Originalität danach zu bemessen, inwieweit er sich von solchen »traditionellen« Analogien freimachen konnte.

Trotzdem sind diese Mikrokosmos-Makrokosmos-Analogien für Leonardo mehr als nur überholte Vergleiche eines vorwissenschaftlichen Zeitalters. Führen sie ihn doch dazu, seine Körperstudien mit den geographischen Untersuchungen des Ptolemäus zu vergleichen und dessen Methode in der Geographie als Ausgangspunkt für seine eigenen systematischen Untersuchungen zur Anatomie zu gebrauchen.

So wirst Du in fünfzehn vollständigen Zeichnungen den Mikrokosmos nach dem selben Plan vor Dir entwerfen sehen, den Ptolemäus, vor mir, in seiner Kosmographie benutzt hatte; und so werde ich sie (die Zeichnungen) später in Gliedmaßen aufteilen, wie er die ganze Welt in Provinzen aufgeteilt hat; dann werde ich von der Funktion jedes Teils in jeder Hinsicht sprechen, indem ich Dir eine Beschreibung von Form und Substanz des Menschen gebe, was seine Fortbewegung mit Hilfe seiner verschiedenen Teile betrifft. Und auf diese Weise mag ich, sofern es unserem großen Schöpfer gefällt, die Natur der Menschen und ihre Gewohnheiten auf dieselbe Art beschreiben, in der ich seine Figur beschreibe. Je näher wir das System betrachten, das seinen Körperstudien zugrundeliegt, desto klarer erkennen wir Leonardos Originalität. Wo frühere Autoren sich fast ausschließlich auf verbale Berichte beschränkten, betont Leonardo die Bedeutung visueller Beschreibungen.7 Wie Kenneth D. Keele scharfsinnig bemerkt hat8, sind diese Beschreibungen von dreierlei Art: a) einige sind Illustrationen von früheren Quellen: Visualisierungen der Theorien von Platon, Aristoteles und anderen; b) in einigen fügt er Anatomien zusammen und schafft neue Körperansichten, d.h. schematische Zusammensetzungen verschiedener Körperteile, während c) andere auf aktueller Beobachtung beruhen. Dieser dritten Art von Zeichnung wird unser Hauptinteresse gelten.


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